Die Geschichte des WingChun der IAW - Wie alles begann

Vor 45 Jahren startete ich mit Kampfsport und vor über 25 Jahren mit einer der Stilrichtungen des 'Wing-Chun'. In all dieser Zeit konnte ich mich der Auseinandersetzung zwischen Mythen und Tatsachen unmöglich entziehen. Die Kluft zwischen Wunschdenken und der Realität war in diesem Bereich gegen Ende der 80er ziemlich groß. Man war ohne Training verteidigungsfähiger als mit, weil man ganz einfach realistisch blieb. Darum schlug ich damals einen neuen Weg ein, um gerade diese Kunst endlich wieder funktionsfähig und interessant zu machen. Es war klar, dass dieses damalige 'Wing-Chun' niemals das sein konnte was die Filmwelt der 80er und ihre Anhänger daraus machten.

Man träumte davon, ohne Krafteinsatz einen Kampf gewinnen zu können und hoffte darauf die Kraft des Angreifers für sich nutzen zu können. Die meisten veränderten die Stile so drastisch, dass aus einer einstigen wundervollen Kampfkunst ein realitätsfremder Kunstkampf entstand. Diese veränderte und völlig nutzlose Version eines 'Wing-Chun' wurde dennoch modern. Sie wurde populär, weil die Theorien zu den Träumereien der damaligen Zeit ausgesprochen gut passten. Ob es letztendlich funktionsfähig war interessierte zunächst gar nicht. Erst zur Mitte der 90er kam ein Wandel.

Ich erinnere mich, dass der Zweifel beim Training stets dominierte und keiner von uns glaubte vor 20 Jahren noch wirklich an die Funktionalität dessen was wir übten. Die damaligen 'Wing-Chun' Großmeister versuchten eine eigene Welt zu erschaffen. Es wurde viel geistige Kraft verschwendet um körperliche Kraft zu ignorieren. Der Glaube man könne die Kraft des Gegners nutzen dominierte und genau in diese Richtung gingen die Träume weiter. Das führte soweit, dass man dachte, je kraftvoller der Gegner sei, desto weniger müsse man selber tun. Man trainierte das Reagieren nach der Kontaktaufnahme zu den gegnerischen Armen. Diesen irrealen Zustand nannte man Gefühlstraining. Auch wenn eigentlich jeder weiß, dass ein Angriff mit dem Kontakt endet und ganz sicher niemals damit beginnt, blieb man in diesen Stilrichtungen bis heute bei dieser Trainingsmethode. Man muss zwei Reaktionsebenen unterdrücken (also zweimal nicht reagieren), um einen Kontakt mit den Armen des Gegenübers zu erreichen. Das funktioniert bei echten Angriffen selbstverständlich nie. Durch das so genannte Gefühlstraining gab es jedoch auch keine echten Angriffe mehr. Es gab nur noch diesem Gefühlstraining angepasste, sichere Angriffe oder man startete gleich mit der Berührung. Dabei gehörte keineswegs Funktionalität, sondern Entspannung und Weichheit zu den höchsten Zielen. Wie eine solche Vielzahl von realitätsfernen Trainingsmethoden und Ansichten bis heute überstehen konnte bleibt ein Rätsel. Dieses Paradoxon hat bis dato zu einer hochgradigen Verwirrung geführt. Es war an der Zeit für Aufklärung zu sorgen.

Damals suchte ich vergebens nach einer Kunst, die meinen Wünschen nach Funktionalität entsprach. Es gab derzeit jedoch keine Stilrichtung, die Realismus und Anwendbarkeit bieten konnte. Mir blieb keine Wahl, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Ein langer Weg lag vor mir, als ich zum Ende der 90er entschied mich von all den mysteriösen Philosophien zu lösen, um die Kunst wieder so zu gestalten, wie sie unsere Vorfahren im Kampf hätten nutzen können. WingChun musste funktionell, wahrhaftig, kraftvoll und zu jeder Zeit sofort anwendbar sein.

Der Spaß am Training liegt vorwiegend darin sich zu verändern, seine persönlichen Grenzen kennenzulernen und sie dann zu überschreiten. Es ist albern zu glauben man bräuchte keine Kraft und könnte während einer Verteidigungssituation entspannt bleiben. Das kann natürlich nur glauben, wer das Glück hatte die Realität nie kennen gelernt zu haben.

In Stresssituationen findet im menschlichen Organismus eine Ausschüttung des Hormons Adrenalin statt. Die Herzfrequenz steigt, der Blutdruck erhöht sich, die Durchblutung wird reguliert, die Muskeln sind leistungsfähiger und der Grundspannungszustand ist hoch. Der Mensch ist sofort bereit für Flucht oder Kampf. Entwicklungsgeschichtlich existiert die menschliche Spezies dank Adrenalin, welches rasche Energiereserven bereitstellt, um uns die Möglichkeit zu geben in gefährlichen Situationen zu überleben. Weshalb sollte man also diese Funktionen nicht nutzen und wozu nach Entspannung suchen? In einer realen Stresssituation gibt es keine Entspannung. Nicht solange wir menschlich sind.

Um der Rückentwicklung der Kampfkünste zu entgehen musste ein gänzlich neues System entstehen und einige Jahre später die International Academy of WingChun. Ich schlug einen bis dahin unbekannten oder auch seit langer Zeit vergessenen Weg ein. Als Traditionalist durfte ich keinen Aspekt außer Acht lassen. Für mich gab es eine wichtige Frage zu beantworten. Wie war die Entwicklung dieser Kampfkunst einst vorhergesehen und was hätte heute daraus werden sollen? Nach all diesen Jahrhunderten und mit unserem heutigen Wissen über Physik, Anatomie und Strategie lag die Antwort auf der Hand.

Also pflegte ich die in anderen Stilen erst zum Ende der waffenlosen Ausbildung hoch gepriesenen beiden Waffenformen (Doppelmesser und Langstock), beziehungsweise deren Anwendung, in das gesamte WingChun ein. Die Ergebnisse waren verblüffend und übertrafen meine Erwartungen bei weitem. Vor über 25 Jahren, als ich noch am Anfang stand, wurde uns erklärt diese Waffenanwendungen würden die Kunst einst verbessern. Dies war aber bei keinem der Stile jemals der Fall. Die Stile blieben nicht einmal mehr was sie waren. Sie wurden immer schwammiger und realitätsfremder. Selbst deren Prinzipien waren von der Logik einer Waffenanwendung weit entfernt. Von positiver Veränderung also keine Spur. Den Namen 'Wing-Chun', oder so ähnlich geschrieben, behielten sie jedoch bei. Somit wird bis heute eine seit den 80ern fortlaufend degenerierte Kunst unter einem ähnlichen Namen angeboten (leichte Unterschiede in der Schreibweise). Das ist ausgesprochen ärgerlich und verwirrt viele.

In meinem System spielt die Dynamik der Waffentechniken eine elementare Rolle. Jede einzelne Technik, angefangen beim ersten Schülergrad, stützt sich auf diese Dynamik. Der Anwender braucht also keine Waffe mit sich zu tragen, er wird zur Waffe. Unsere Schüler brauchen nicht zu warten bis sie Meister sind, sie fangen sofort mit den richtigen Bewegungen an. Jedes einzelne Programm, von der allerersten Übung bis hin zu den Sektionen eines Technikergrades, inklusive der Schrittarbeit, basiert auf der Grundlage der Anwendungen der Doppelmesser und des Langstockes. Die Transformation des gesamten Wissens zu einer einzigen waffenlosen Kunst war nach meiner Meinung wohl die ursprüngliche, also traditionelle Idee. Als ich dann in den 90ern das WingChun entwickelte spürte ich sofort, dass ich mit meinen Vermutungen richtig lag. Ich integrierte die beiden Waffenformen in das gesamte System und dessen vier Formen, die dadurch einer beachtlichen Reformation unterzogen wurden. Das WingChun entstand. Die Fragen von einst bezüglich der Funktionalität und Anwendbarkeit waren geklärt.

Doch wie funktioniert eine echte Selbstverteidigungs-Kunst? Kraft ist kein Indiz dafür, dass man ein guter Angreifer ist und es ist kein Indiz dafür, dass man sich gut verteidigen kann. Wen dem so wäre bräuchten wir keine Selbstverteidigungs-Kunst. Das gleiche gilt für andere Faktoren, die im Angriff und in der Verteidigung eine wesentliche Rolle spielen. Diese wären Schnelligkeit und technische Fertigkeiten. Schnelligkeit ohne Technik ist genau so sinnlos als Technik ohne Kraft oder Kraft ohne Schnelligkeit. Technik, Kraft und Schnelligkeit ergeben die Einheit der Kunst WingChun. Keine dieser drei Säulen kann ohne die Andere sinnvoll genutzt werden. Somit ist Kraft nun mal nur ein Aspekt und letztendlich ohne technisches Niveau und die passende Geschwindigkeit nicht nutzbar.

Und dennoch. Für alle Tätigkeiten des Alltags brauchen wir Kraft. Ob wir einen Koffer ins Auto laden oder den Einkauf nach Hause bringen. Wir brauchen die notwendige Kraft und eine gewisse Bewegungsmotorik, um diese spezielle Arbeit zu verrichten. Ob wir gehen oder stehen, etwas heben oder werfen, unsere Muskeln bewegen auf einen Befehl hin unsere Knochen. Wir nennen das Koordination. Und genau diese Koordination, nämlich eine Bewegung exakt auszuführen, bezeichnen wir im WingChun als Technik. Im Alltag benötigen wir selten 100% unserer Kraft, um Dinge zu verrichten. In der Selbstverteidigung ist das völlig anders. Zum Angriff und zur Verteidigung ist es ein Risiko wenn man seine Kraft nicht voll einsetzt, also sich nicht zu 100% einbringt. Genau so steht es mit der Schnelligkeit und der Technik. Letztendlich geht es also um die perfekte Synergie dieser Faktoren. Jeder einzelne Faktor wird im Laufe der Zeit durch Wiederholung verbessert. Durch stetes Training verbessern wir unsere Kraft, unsere Technik und unsere Geschwindigkeit im ungleichen Rhythmus. Das heißt, dass das Eine dem Anderen folgt oder besser das Eine das Andere aufbaut und ergänzt. So entstehen wahre, ungeahnte Fähigkeiten.

Sobald wir regelmäßig trainieren werden wir geschickter, schneller und stärker. Aber nicht einfach nur stark, nein stark in der Durchführung einer korrekten und schnellen Bewegung. Genau das ist es was WingChun ausmacht; und das ist auch der Grund, weshalb wir unserem Angreifer überlegen sind. Auch wenn wir anatomisch nicht der Stärkere sind so sind wir technisch stark genug, um jeden Angriff abzuwehren und einen kraftvollen Gegenangriff zu starten. Zudem lernen wir unseren Körper aufgrund dessen was wir sehen zu steuern. Das Auge reagiert auf bekannte Muster, um jede Positionierung und jeden Angriff mit der geeigneten Abwehr zu beantworten. Wir werden zum Angreifer und erkennen binnen Bruchteilen einer Sekunde Lücken und Schwächen unseres Gegenübers. All das wird mit einem ausgefeilten Trainingsprogramm von Graduierung zu Graduierung gesteigert, bis wir verteidigungsfähig sind. Bereit in Gefahrensituationen zu bestehen.

Technische Fähigkeiten, also eine einwandfreie Kontrolle über den eigenen Körper, gestützt durch Kraft und Geschwindigkeit und all dies angepasst an die jeweilige Situation, ist die Kunst des WingChun.

Um WingChun zu trainieren brauchen Sie weder Idealgewicht noch eine besondere Fitness. Alles was Sie dazu brauchen ist Wille. Jeder Mensch hat prinzipiell die gleichen Voraussetzungen. Die Kraft des Willens ist das einzige was Menschen wirklich voneinander unterscheidet. Ohne Wille gibt es keinen Weg.

Ich lade Sie ein zur Probestunde in einer unserer Ausbildungsstätten. Schärfen Sie Ihre Eigenwahrnehmung. Spüren Sie selbst zu was Sie fähig sind, sobald Sie sich Ihrer Anlagen und Ihrer verborgenen Kräfte bewusst werden.

Lehrer der International Academy of WingChun sind von mir persönlich geschult und graduiert. Bei uns sind Sie in guten Händen. Wir freuen uns darauf Sie kennenzulernen.

© Dai Sifu Klaus Brand, Leiter der International Academy of WingChun

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